Hartmut Rosa: Zeitwohlstand und Beschleunigung

Welche Rolle spielt Zeit für unser Wohlbefinden und unseren Wohlstand? Was können wir in unserer Zeit- und Arbeitsorganisation ändern, um so zu leben und wirtschaften, sodass sich unsere Ressourcennutzung innerhalb der ökologischen Grenzen bewegt, das Wohlbefinden der Gesellschaft auf hohem Niveau bleibt und soziale Ungleichheit abgebaut wird? So lauten die Fragen, denen die Veranstaltungsreihe „Zeitwohlstand" nachgeht. 

Der Soziologe Hartmut Rosa fragt in seinem Vortrag nach der Realisierbarkeit von Zeitwohlstand in modernen Gesellschaften. Zeitwohlstand stellt sich für Rosa dann ein, wenn dem Individuum im Alltag genügend Zeit für die Erledigung des Wünschenswerten bleibt, d.h. ein Zustand erreicht ist, in dem die verfügbaren Zeitressourcen die für die Erledigung der „To-Do-List" erforderliche Zeitmenge deutlich übersteigt. Anders als die Langeweile oder die fremdbestimmte Stillstellung (etwa, wenn der Zug mal wieder Verspätung hat) wird ein solcher Zustand als Muße, d.h. als handlungsentlastende und „erfüllte" Zeit erfahren. 

Doch worin liegen die Ursachen dafür, dass dem modernen Menschen Zeit stets als knappe Ressource erscheint, wir in modernen Gesellschaften eigentlich permanent unter Zeitknappheit leiden? Und das, obwohl ständige technische Innovationen immer mit dem Versprechen der Zeiteinsparung angepriesen wurden und werden: Die Eisenbahn, die Waschmachine, das Smartphone. 

Für Rosa ist es die große Illusion der Moderne, dass technische Beschleunigung zu mehr Zeitwohlstand führt. Zeitersparnisse die durch technische Innovationen erzielt wurden, werden durch erhöhten Konsum zunichte gemacht: Die Menschen Reisen mehr und weiter, waschen häufiger ihre Wäsche und kommunizieren auch mehr. 

Die Ursachen für mangelnden Zeitwohlstand sind damit für Rosa in den Bedingungen der Moderne selbst zu suchen. Moderne Gesellschaften sind strukturell auf Wachstum, Beschleunigung und fortwährende Innovationen angewiesen, um ihren Status Quo zu erhalten. Dafür müssen sie nicht nur physische Energie (etwa: fossile Brennstoffe) aufwenden, sondern im hohen Maße auch die psychische Energie der Menschen einsetzen. Die Leistungsfähigkeit jedes Einzelnen muss erhöht, Kinder und Heranwachsende fit für den Wettbewerb gemacht werden. Die Schattenseiten dieser Entwicklung: Burnout und andere psychische Krankheiten. 

Um diesem Hamsterrad zu entfliehen, schlägt Rosa ökonomische, sozialstaatliche und kulturelle Reformen vor, die er im Rahmen seiner Vorstellungen von einer „Postwachstumsgesellschaft" diskutiert. 

Weitere Informationen:

http://www.zeitwohlstand.info
http://www.konzeptwerk-neue-oekonomie...

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